Rund 25 Millionen Packungen Halsschmerzmittel wandern jedes Jahr in Deutschland über die Ladentheke. Doch die Investition in teure Lutschtabletten, Gurgellösungen und Rachensprays lohnt sich laut Einschätzung der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin nicht. Die Experten raten stattdessen zu unspezifischen Schmerzmitteln, sanften Hausmitteln – und Geduld.

Halsschmerzen?

Ursachen und Hintergründe von Halsschmerzen

Im Normalfall gehen Halsschmerzen auf eine akute Infektion der oberen Atemwege zurück. Dahinter stecken in bis zu vier Fünftel aller Fälle Erkältungsviren, seltener Bakterien wie Streptokokken. Die Beschwerden sind in der Regel genauso lästig wie ungefährlich. Ein gesundes Immunsystem wird auch ohne unterstützende Medikamente mit den Eindringlingen fertig – im Mittel nach 3.5 bis 5 Tagen. 80-90 % aller Patienten sind spätestens eine Woche nach Einsetzen der Halsschmerzen wieder komplett beschwerdefrei. Falls die Halsschmerzen länger als 7 Tage anhalten, sollten sie durch einen Arzt abgeklärt werden.

Für Arzneimittelhersteller sind Halsschmerzen ein lukratives Geschäft: Über 190 Millionen Euro geben die Deutschen jährlich für rezeptfreie Halsschmerzmittel aus. Die Präparate enthalten üblicherweise entweder Lokalanästhetika, Lokalantiseptika oder eine Kombination aus beidem. Einige Mittel arbeiten zusätzlich mit Antibiotika.

Die Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) stellt handelsüblichen Rachentherapeutika jedoch ein vernichtendes Zeugnis aus. Laut Einschätzung der Fachärzte sind die Mittel im besten Falle nutzlos, im schlechtesten Falle sogar gefährlich, z. B. wegen allergischer Reaktionen. Gründe für das harsche Urteil: Keimtötende Antiseptika erreichen lediglich die Oberflächen der Schleimhäute, während sich das eigentliche Krankheitsgeschehen in tieferen Gewebsschichten abspielt. Lokal betäubende Lutschpastillen verschaffen Halsschmerzpatienten nachweislich weniger Linderung als günstige systemische Schmerzmittel. Und auch ein Einsatz von Antibiotika erscheint wenig sinnvoll, da diese nur Bakterien bekämpfen, ein Großteil der Hals-Rachen-Entzündungen hingegen auf Viren zurückgeht. Zudem sind die Antibiotika in frei verkäuflichen Mitteln so niedrig dosiert, dass sie selbst bei bakteriell bedingten Halsschmerzen wenig ausrichten.

Mit ihrer Kritik stehen die deutschen Gesundheitsexperten übrigens nicht alleine dar: Norwegen hat schon 1984 sämtliche Halsschmerztabletten mit antiseptischen, antibakteriellen oder betäubenden Wirkstoffen vom Markt genommen – aufgrund unzureichend belegter Wirksamkeit.

Was hilft gegen Halsschmerzen?

Was aber hilft Betroffenen wirklich? Die DEGAM-Leitlinie empfiehlt, bei ausgeprägten Beschwerden vorübergehend unspezifische Schmerzmittel wie Paracetamol oder Ibuprofen aus der Gruppe der nicht-steroidalen Antirheumatika einzusetzen, sofern keine Kontraindikationen vorliegen. Einzelgaben beider Präparate können die Halsschmerzen mehrere Stunden lang wirksam lindern, wobei Ibuprofen laut zwei Placebo-kontrollierten Studien Paracetamol leicht überlegen ist. Aspirin ist in puncto Schmerzlinderung zwar genauso effektiv, verursacht jedoch gleichzeitig mehr Nebenwirkungen und sollte insbesondere Kindern unter 15 Jahren nicht gegeben werden. Ibuprofen und Paracetamol weisen hingegen auch bei mehrtägiger Einnahme eine gute Verträglichkeit auf. Nur bei rund einem Zehntel der Anwender rufen sie leichte Beschwerden im Magen-Darm-Trakt hervor.

Zur Wirksamkeit von Hausmitteln gegen Halsschmerzen liegen bisher noch keine gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnisse vor. Die DEGAM empfiehlt diese Mittel deshalb mit Einschränkung und rät Betroffenen dazu, sich auf persönliche Erfahrungen und Vorlieben zu verlassen. Folgende traditionelle Maßnahmen gegen Halsschmerzen sind günstig und zumindest nicht schädlich:

  • Lutschen nicht-medizinischer Kräuterbonbons zur Anregung des Speichelflusses
  • viel Trinken (z. B. Kräutertees, heiße Zitrone), um die Kehle feucht zu halten
  • Befeuchtung der Umgebungsluft
  • warme Halswickel
  • Gurgeln mit einfacher Kochsalzlösung (1⁄4 Teelöffel Salz pro Wasserglas)